mit freundlicher Genehmigung von Franz Motyka


Die Wohnfläche verteilt sich auf drei Etagen, wobei die unterste für Wasch- und Wäscheräume konzipiert war. Das Wasser holten sich die Schwestern zunächst aus einem Brunnen auf dem dazu gehörenden Grundstück. Die mittlere Etage hat den Haupteingang des Gebäudes. Durch eine Pforte in der Begrenzungsmauer an den Treppen zur Kirche oder zur Schule und auf einem Gartenweg gelangt man dorthin. In der Originalhaustür sieht man noch die kleine, verschließbare Öffnung. Durch sie nahmen die Schwestern mit ihren bedürftigen, verletzten oder Naturalien schenkenden Gästen den Kontakt auf. Die Verletzten wurden sogleich in einem dahinter liegenden Zimmer "verarztet". Auf dieser Etage befanden sich neben der Hauskapelle die Schreib- und Aufenthaltsräume. Auch der Heizofen stand auf dieser Ebene. Im obersten Stockwerk waren die Schlafräume.
Neben dem Eingang an der Bundesstraße liest man auf zwei verschiedenen Tafeln von einem Kloster bzw. Klösterchen.
Stand denn dort ein Kloster in Camberg? Bevorzugten nicht die Ordensleute ruhigere Orte für ihren Aufenthalt? Auch die Mitglieder der Mendikantenorden (Dominikaner, Franziskaner etc.) und der Kongregationen, die nahe bei ihren Mitmenschen sein wollten, um ihnen beizustehen, bauten ihr Domizillieber an weniger lauten Plätzen eines Ortes. Gab es denn Klöster in dieser Stadt?
In Camberg bestand bis ins 16. Jahrhundert nur ein Haus der Beginen, ein Zusammenschluss frommer Witwen und unverheirateter Frauen, die sich der Krankenpflege und der Erziehung der weiblichen Jugend widmeten. Die Beginen legten nicht die bekannten Klostergelübde ab. Für ihre regelmäßigen Gebete konnten sie die in der Nähe gelegene kleine Sankt-Georgs-Kirche besuchen. Diese lag im südwestlichen Teil der heutigen Kernstadt und wurde 1777 wegen ihrer Baufälligkeit abgerissen.







Doch 1854 errichtete die Kongregation der Armen Dienstmägde Jesu Christi (ADJC), wegen des Standortes ihres Mutterhauses in Dernbach (Westerwald) bei der Bevölkerung als "Dernbacher Schwestern" bekannt, in Camberg ihre erste Filiale. Der Camberger Legationsrat Dr. Moritz Lieber konnte die Gründerin der Kongregation, Katharina Kasper (1820-1898), zu dieser Maßnahme bewegen. Die Schwestern Aloysia und Agatha waren die ersten Mitglieder dieser Schwesternstation. Sie wurden von den wohlhabenden Camberger Familien mit Geld für ihre Kleidung und für Lebensmittel sowie durch kostenfreie Wohnung unterstützt.

Bis 1861 wohnten die Schwestern im Hause Grimm im 3. Stock. Dieses Haus stand in der Kirchgasse (im Bereich des Hauses Nr.6) und brannte 1886 ab. Die Wohnung bestand aus zwei kleinen Zimmern. Benefiztat Heinrich Lauer zahlte dafür die Miete. 1861 zogen sie in das neu erbaute Lieber'sche Hospital. " Und wohnten damals Hospital- und Stadtschwestern zusammen. Es waren zwei Schwestern zur Pflege der Hospital- und drei Schwestern zur Pflege der Stadtkranken bestimmt. " So steht in der Hauschronik der Stadtschwestern.
Doch bereits 1867 gestattete der Verwaltungsrat des Hospitals den Stadtschwestern nicht mehr, dort zu wohnen. Sie wohnten dann wieder beengt im Hause des Tünchers Jakob Hartmann (Marktplatz 5).


1872 liest man in ihrer Chronik: "Die Schwestern bezogen unentgeltlich eine Wohnung, welche der Gemeinde gehörte. " Man weiß heute nicht genau, wo diese lag, aber damals kannten kranke und verletzte Camberger, von denen einige sich einen Arzt nicht leisten konnten, die Adresse der Schwestern.
Die mündliche Überlieferung nennt das Haus Gallo (Strackgasse 14) als nächste Wohnung, bevor die Schwestern in ihr Haus an der Frankfurter Straße übersiedelten.





Es wurde in sechs Monaten für die Schwestern gebaut und am 20. August 1879 durch den Geistlichen Rat Wittayer eingesegnet. Die Schwestern beteiligten sich an den Kosten mit einem Betrag von 200 Mark, welche die Oberin, Schwester Cleopha Amelunxen, am 27. März 1880 übergab. Eine Haussammlung erbrachte 628,45 Mark. Den Bau ließ der als Reichstagsabgeordneter des Zentrums bekannte Camberger Dr. Ernst Lieber, der Sohn Dr. Moritz Liebers, durchführen.

Der vorliegende Bauplan wurde für ihn entworfen und ist zugleich als Bauantrag mit seiner Unterschrift versehen. Er gab 4500 Mark als Darlehen zum Bau. Die Stadt zahlte ihm die Zinsen (5%) und die Tilgung für dieses Kapital. Das Haus wurde daher im Stockbuch auf seinen Namen eingetragen. Aus dem vorliegenden "Abschluss der Rechnung des neu erbauten Schwestern Hauses zu Camberg" geht hervor, dass sich die Gesamtkosten auf 5328,33 Mark beliefen. Die Schützsche Fidei-Commission (Mitglieder waren u. a. Baron von Spies, Baron von Freiberg) vermachte diesem Hause ein Kapital von 1 200 Mark mit der Auflage, dass es noch vor 1900 in den Besitz der Schwestern oder der Kirchengemeinde übergehe. So kaufte die katholische Kirchengemeinde 1894 dieses Haus von Dr. Lieber .


"Der katholischen Kirchengemeinde, Eigentümerin des Hauses, wird das verbrauchte Baukapital von der Civilgemeinde verzinst, weil die Barmherzigen Schwestern ihre christliche Liebestätigkeit allen Bürgern der Stadt ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses zuwenden. " Das schrieb 1904 der damalige Pfarrer in die Pfarrchronik. Noch auf derselben Seite nennt er dieses Gebäude "eine Behausung, die mehr romantisch als zweckdienlich und praktisch ist".
Bereits 1886 vermerkten die Schwestern in ihrer Hauschronik, dass sie genötigt seien, das Haus auf ihre Kosten (450 Mark) freilegen zu lassen, weil wegen der Feuchtigkeit der Schwamm ständig durch den Boden wuchere und die Balken faulten.
1926 wurde die zur Straße gelegene Mauer des Schwesternhauses mit Ankern befestigt, da sie angeblich wegen des lockeren Bodens und der Autoerschütterungen abzusinken drohte. Der damalige Pfarrer schrieb in die Pfarrchronik: "Das ganze Haus ist ein Schmerzenskind für Schwestern und Pfarrvorstand. "
Trotzdem wollten die Schwestern es nicht verlassen, als ihnen 1931 ein stattliches Haus in der Pfarrgasse (Nr. 7, das so genannte Lauer'sche Haus, später ein Neubau und 1954 das Haus der Camberger Bank in der Limburger Straße als neue Wohnung vom jeweiligen katholischen Pfarrer angeboten wurden. In ihren Ablehnungen erklärten sie ihm, dass ihr Haus durch die häufigen Besuche der Gründerin ihrer Kongregation geheiligt und ein richtiges "Klösterchen" sei.


Das Klösterchen wird verkauft


Noch 1958 bedauerte die Generaloberin - laut Pfarrer Staat in der Pfarrchronik- diese Entscheidung ihrer Camberger Mitschwestern und wünschte dringend von den zuständigen Camberger Gremien "ein ruhiges und gesünderes Heim" für die Stadtschwestern. Bereits zwei Jahre später konnte dieser Wusch erfüllt werden. Von Februar bis Juni 1960 wurde für 36190 DM das alte Pfarrhaus in der Pfarrgasse in ein Schwesternhaus umgewandelt. Nachdem Stadtpfarrer Bernhard Staat das Haus gesegnet und die Hauskapelle eingeweiht hatte, konnten am 23. Juni 1960 die vier Schwestern in ihr neues Domizil übersiedeln. Kaspar Hofmann, der Ehrenbürger dieser Stadt, las in den beiden Schwesternhäusern regelmäßig die Heilige Messe.
Das auch von den Cambergern als "Klösterchen" bezeichnete Haus an der Frankfurter Straße wurde noch im selben Jahre an die Firma Hasenbach verkauft. Darin wohnten jahrelang Gastarbeiter aus Italien, Spanien, Portugal, Griechenland und Jugoslawien. Später wurde das Haus vom Besitzer privat genutzt.
1989 kaufte Frau Edda Armbruster dieses Anwesen. Nach der Zustimmung durch die dafür zuständigen Behörden ließ sie das Haus 1993/94 mit hohem Kostenaufwand umbauen und ausstatten. 1994 eröffnete sie darin ein besonders von Kurgästen gern besuchtes Weinlokal.
Quellen
Dernbach, Generalat ADJC, Hauschronik Camberg, Band 1 Chronik der Pfarrei Sankt Peter und Paul, Camberg
Kunz, M.: Häuserverzeichnis der Altstadt von Camberg, unveröffentlichte Sammlung, Bad Camberg ab 1989



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